4 Schritte, wie ich in meine Kraft kam

und was es kostet, wenn du dich selbst nicht wertschätzt

Ein Gastbeitrag von der wunderbaren Jana Wieduwilt, die nicht nur mich mit ihrer Herzenswärme, ihrer Geschichte und ihrer daraus entstandenen Passion des Halbtagspilgerns sehr inspiriert. Hier teilt sie mit dir ein Stück ihres Weges.

Ich bin begeisterte Leserin von Bettinas Blog – und unendlich dankbar, dass ich hier meine Geschichte berichten kann.

Ich sitze in einem Strandcafé irgendwo an einem schönen Ort auf der Welt. Das Telefon klingelt. Deutschland. Kundschaft. Ich freue mich, denn es geht um ein tolles Projekt, an dem ich super gerne mitarbeite. Doch ich bin in der Bredouille. Entweder ich gehe jetzt ran und der Kunde merkt anhand der Nebengeräusche, dass ich niemals nicht in einem Büro sein kann. Oder ich gehe nicht ran und der Kunde denkt, dass unser Unternehmen nicht funktioniert, weil niemand ans Telefon geht. Hmm. Leichte Panik bricht aus. Ich schnappe mein Zweithandy, eile zum nächsten Wifi-Hotspot und checke die Lautstärke. Wenn jetzt die freundliche Kellnerin nicht die Kaffeemaschine… dann sollte es gehen. Zack, angerufen.

„Ach Frau Wieduwilt, schön dass Sie zurückrufen, haben Sie eine neue Nummer?“ „Äh, nö, nur zur Zeit.. laber, eierrum, laberlaber, eierweiterrum“. Wir führen ein gutes Gespräch. Der Auftrag steht. „Wissen Sie, bei Ihnen weiß ich, was ich habe. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit“, sagt mein Kunde. Ich wiegele ab: „Ach, das ist doch selbstverständlich, ich bemühe mich, mein Bestes zu geben“. In dem Moment schmeißt die liebe Theken-Bedienung nun doch die Kaffeemaschine an. Ich schreie eine Verabschiedung ins Telefon und atme auf. „Puh. Gerade noch mal gut gegangen.“ Jetzt schreibe ich eine Mail. Und sitze – zugegebenermaßen an einem megachilligen Ort mit meinem Laptop und meinem schlechten Gewissen. Das ist riesengroß.

Erdrückende Gedanken

Wie kann ICH es denn wagen, einfach mal wegzufahren, meiner Leidenschaft, dem Reisen und Schreiben nachzugehen? ICH habe das Recht dazu nicht. Denn: Achtung, Glaubenssatz: ICH muss immer etwas leisten. Die Beste sein. Andernfalls werden mich die Menschen, die Kunden nicht mögen. Dann kaufen sie nicht mehr bei mir. Und ich bekomme kein Geld und so weiter und so weiter.

So waren meine kurzen Urlaube vor einigen Jahren. Ich habe niemandem gesagt, dass ich Ferien mache. Habe mich schlicht nicht getraut. Aus Angst, dass die Menschen mich für faul halten könnten. Und wenn ich dann doch mal los gefahren bin, hatte ich immer, immer immer den Rechner dabei. Meine Kinder können ein Lied davon singen, wie oft sie auf Parkplätzen mit mir standen, während ich im Auto „noch schnell“ diese oder jene Kundensache fertig stellte oder beantwortete. Aus dem Grund kam ich auch auf die fingierte Internettelefonnummer mit deutscher Vorwahl von jedem Ort der Welt aus.

Stell dir das mal vor: Ich habe mich nicht getraut, Pause zu machen. Ich habe über Jahrzehnte performt und nie so richtig entspannt. Weil ich es mir nicht erlaubt habe! Weißt du, wo damals mein Selbstwert war? Er muss ganz weit draußen im Meer geschwommen sein. Bei mir war er jedenfalls nicht.

Der Weg zu mir selbst

Ich fühlte so einen enormen Druck – ok, hatte ich auch, zwei Kinder durften mit meiner Selbstständigkeit ernährt werden und eine Scheidung hatte auch einiges an Geld „gefressen“. Das Geschäft lief anfangs schleppend. Wenn ich mal Kunden hatte, dann hängte ich mich voll rein. Investierte Unmengen Zeit. Herzblut. Energie. Und dann „vergaß“ ich die Rechnung anzupassen. „Was soll das schon wert sein, was ich da mache?“, fragte ich mich selbst. Sag mal, geht’s noch, wirst du fragen. Naja, klar. Jetzt geht es – sogar ziemlich gut. Aber das war ein langer Weg. Ich kürze mal ab. Irgendwann traf ich eine Kundin, da hatte ich wieder solche Geldsorgen, dass ich nachts nicht schlafen konnte. Ich war fahrig und nervös. Sie fragte und es brach aus mir heraus. „Ich arbeite und arbeite und habe doch nie Geld, ich weiß nicht weiter.“ Sie sagte nur einen Satz: „Sie sind zu billig.“ Das saß.

Langsam traute ich mich, bei Neukunden, angemessene Angebote zu unterbreiten und auszuhalten, wenn Kunden nicht bei mir kauften. Das half. Und doch hatte ich bei jedem Angebot immer noch ein schlechtes Gefühl. Bis zu dem Tag, an dem ich mir mal ausrechnete, welchen Mehrwert meine Kunden durch meine Leistung erwirtschaften konnten. Nimm mal nur das Beispiel, dass ich einen Presseartikel erstellt habe. Nehmen wir mal an, der Kunde bezahlt für Recherche, Erstellung und Versendung des Beitrages 400 Euro. Durch den Artikel der in der regionalen Zeitung erscheint, bekommt er 5 neue Kunden, die jeweils Aufträge für je 500 Euro auslösen. Der Zeitungsbeitrag ist also 2500 Euro wert. Wie ist das denn bei dir? Hast du dir das schon mal ausgerechnet, was du leistest?

Und hier kommt Schritt Nummer eins für dich:

1. Erkenne deinen Selbstwert.

Sei es dir selbst wert, dich vernünftig zu entlohnen. Erkenne deine Bedürfnisse. Und kenne deinen Preis (nicht nur, wenn du ein Unternehmen hast, sondern auch, wenn du angestellt oder Hausfrau bist!)

Als ich das verstanden hatte, wurde mein schlechtes Gewissen weniger und meine finanzielle Situation deutlich besser. Ich arbeitete voller Freude immer noch viel. Sieben Tage die Woche, 12 Stunden oder mehr. „Nebenbei“ hatte ich Familie und zwei Jungs großzuziehen. Bis ich schleichend immer immer unzufriedener wurde. Meine Kreativität: Einfach weg. Mein Nervenkostüm: ganz, ganz dünn. Ich war ungerecht zu Allen und Jedem. Und mein Blutdruck schnellte in die Höhe. Ich musste Tabletten nehmen. Nahm viele, viele Kilo zu. Das willst du nicht sehen, wie ich aussah, damals.

2. Erkenne, was ist.

Nimm wahr, was dir nicht gut tut. Und hau die Notbremse rein. Das kannst du tun, indem du von den Erfahrungen lernst, von denen Bettina hier im Blog berichtet. Und dann genügend Arsch in der Hose hast, um dich zu entscheiden. EINMAL für dich.

Exakt am 23.12.2014 beschloss ich, fasten zu gehen. Ich entschied mich, buchte und bezahlte sofort. Danach teilte ich es meiner Familie mit. Die nahm es staunend hin. Dieser Fastenkurs war der absolute Wendepunkt für mich. Es hätte auch Yoga oder Schweigen sein können, das ist nicht so wichtig. Der Kurs fand in einem Kloster statt, das kein Wifi, kein Internet hatte. Kein Netz. Ehrlich! Nicht mal Telefon ging. Ich war also ungewollt eine Woche offline. So richtig. Nachdem ich zwei Tage innerlich rebelliert hatte und zwischen Nach-Hause-Fahren und dauernd Heulen schwankte, nahm ich endlich das Geschenk des Himmels an. Ich hatte zum ersten Mal seit Jahren Zeit für mich selbst. Und ich nahm mein Tagebuch und schrieb. Schrieb. Schrieb. Schrieb. Alles, was so die letzten Jahre, Monate, Tage passiert war. Und nebenbei stellte ich meine Ernährung um, und nahm etliche Kilo ab.

3. Genieße deine Pausen.

Wenn du nicht in deiner Kraft bist, wie willst du denn anderen was davon abgeben? Wie willst du denn Mutter, Vater, Vorbild, Freundin, Ideengeberin sein? Schärfe deine Säge, bevor du ermattet zu Boden gehst. Du tust es für dich UND für die anderen! Denn die haben ja nichts davon, wenn du krank/unkreativ oder launisch wirst.

Ich erkannte das Muster. Die Geschichte von der Säge kennst du bestimmt, ich erzähl sie hier nur kurz.

Der Mann und die Säge

Der Mann war im Wald, um Bäume zu fällen. Die ersten fielen schnell. Doch mit der Zeit wurde die Säge stumpfer und stumpfer und es dauerte immer länger bis die Bäume fielen. Ab Nachmittag sägte der Mann stundenlang an einem Baum. Er wandte seine ganze Kraft auf und doch wollte der Einschnitt nicht größer werden. Völlig ermattet sägte er weiter. In Zeitlupe ungefähr. Der Baum bewegte sich keinen Millimeter. Sein Kollege kam vorbei und sagte: „Ich hab schon lange keinen Baum mehr fallen gehört: Ist alles ok?“ „Ja, ich muss die Säge schärfen“, sagte der Waldarbeiter. „Aber ich habe keine Zeit, ich muss sägen.“

Genau das war es. Ich hatte mir keine Zeit für mich selber genommen. Weil ich mich nicht wertschätzte, es überhaupt WERT zu sein. Das habe ich nach dem Fasten in minikleinen Schritten geändert und längere Urlaube eingebaut. Quality time für mich. Das habe ich auch meinen Kunden klar kommuniziert. Wisst ihr was? Ich habe seither nicht einen einzigen Kunden verloren. Im Gegenteil: Sie alle wünschen mir einen schönen Urlaub und freuen sich auf einen kurzen Reisebericht im Anschluss. Es ist für sie selbstverständlich, dass ich nicht IMMER erreichbar bin. Die einzige, die gedacht hat, dass es schlimm wäre, mal Urlaub zu machen, war ich.  

Am 23.12.2017 entschied ich mich, pilgern zu gehen. Das Gefühl aus Spiritualität, innerem Frieden, Kraft und Leidenschaft, das ich auf dem Camino Francés in Spanien hatte, wollte ich unbedingt mit nach Hause nehmen. Ich hatte nämlich auch diesmal meinen Laptop dabei und habe nach dem Pilgertag für einige Stunden am Nachmittag noch etwas gearbeitet. Das lief perfekt. Effizienter und kreativer denn je. Ich stellte fest, dass eine Work-Day-Balance geht. Jeden Tag.

4. Egal, wie klein es ist: Belohne dich selbst an jedem Tag mit einem Geschenk.

Mach jeden Tag. Jeden Tag, jeden Tag etwas, das du gerne machst. Und wenn es nur drei Minuten sind. Aber tu es jeden Tag.

Seit einigen Monaten bin ich als Halbtagspilgerin unterwegs. Wirklich unterwegs. Diese Zeilen hier schreibe ich dir gerade auf Bali, an einem wunderschönen Strand. Ich arbeite super gern. Halbtags. Sieben Tage die Woche. Mein Unternehmen läuft wunderbar. Meine Kunden reisen im Geiste gerne mit mir herum. Und ich fange an, meine Halbtagspilgerprinzipien auch in die Unternehmen zu tragen, denn ich bin sicher, dass die tägliche Portion Achtsamkeit auch den Mitarbeitern gut tut.

Morgens gehe ich pilgern, egal, wo ich bin. Ich gehe, schweige, schreibe und meditiere. Jeden Tag. Die investierte Zeit ist mein tägliches Geschenk an mich und daraus ist Halbtagspilgern als Lebensprinzip entstanden.

Deren Bausteine sind:

  • Schweigen.
  • Schreiben.
  • Pilgern.
  • Meditieren.
  • Erfolg durch Achtsamkeit.

Meine Vision ist es, die Prinzipien des Halbtagspilgerns so vielen Menschen wie möglich nahe zu bringen.

Nun blogge ich auf www.halbtagspilgern.de darüber. Natürlich auch, weil ich meine Leser mitnehmen will. Aber eben auch, weil ich mich schreibend selbst voranbringe und weil ich es einfach liebe, zu schreiben und es für mich keine andere Kraftquelle geben kann als meiner Passion zu folgen.

Heute kann ich komplett ortsunabhängig arbeiten, ich kann tun, was mein Herzenswunsch ist. Und das bin ich mir wert! Ich kann es jetzt einfach sagen. Ein unglaubliches Geschenk. Ich verneige mich vor dir in Dankbarkeit, dass du diesen langen Text gelesen hast. Und danke an Bettina für ihre Arbeit, ihre Offenheit und ihre Liebe, die in diesem Blog hier steckt.

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