Brief an die Vergangenheit

18. November 2016

Liebe Vergangenheit,

ich danke dir für dich,
für die Erinnerungen, die ich an dich habe,
für den Schmerz und die Trauer,
für die Freude und das Glück.
Für die leichten und die schweren Lektionen, die du mich gelehrt hast.

Liebe Vergangenheit,

es fiel mir nicht immer leicht, so von dir zu reden, aber ich habe mir vorgenommen, dich nicht mehr zu verurteilen, wie ich es oft getan habe. Verflucht für das, was du mir angetan hast, ohne zu begreifen, dass ich mir alles selbst angetan habe, was ich schmerzhaft in mir trage.

Ich habe es zugelassen. Ich habe es soweit kommen lassen.

Du kannst nichts dafür.

Du hast den Rahmen gegeben, in dem ich agiert habe.

In dem ich gehandelt habe.

In dem ich Rückschlüsse gezogen habe.

Und manchmal die falschen.

Manchmal habe ich mich für Verbitterung und Enttäuschung entschieden, anstatt für Lektion und Zuversicht.

Liebe Vergangenheit,

ich danke dir für dich, aber ich möchte nicht in dir leben. Nicht immer in deine Zeit flüchten und meine erlebten Geschichten als Schutzschild vor mir tragen, aus Angst vor dem gleichen Schmerz, den ich bereits erlitten habe.

Ich möchte nicht, dass du dich zwischen mir und meinem Leben aufbaust, zerkratzt und milchig wie ein Schleier vor meinen Augen, der meine Sicht verzerrt auf alles, was ich durch dich hindurch anblicke.

Das ist nun vorbei.

Ich möchte dich nicht vergessen, versteh mich nicht falsch, sondern dich als wertvollen Teil in mir tragen. Dankbar für all die Lehrstunden, die du mir gegeben hast und die ich genutzt – oder nicht genutzt habe. Die einen Neuanfang oder ein Nachsitzen beinhaltet haben.

Ich war es.

Ich allein, die darüber bestimmt hat.

Liebe Vergangenheit,

selbst wenn ich einige Entscheidungen falsch getroffen habe, mich gegen das Lernen und für den Frust entschieden habe, möchte ich das nun ändern. Dich nutzen für meinen weiteren Weg, nicht als Ausrede, sondern als Ratgeber.

Die Lektionen stehen immer noch da in meinem Lebenslauf. In der alten Zeit, die mich einholt, wenn ich nicht dazu lerne.

Alles, was ich nicht begriffen habe, möchte ich heute verstehen. Ich möchte annehmen, was ungeheilt in mir liegt und von dem ich mich nicht lösen konnte. Wollte.

Liebe Vergangenheit,

ich möchte durch die Steine, die du mir in den Weg gelegt hast, etwas Schönes bauen. Eine solide Treppe – individuell – ruhig ein wenig krumm und schief, aber doch stabil.

Die Stufen, auf denen ich gehe, sollen nicht aus Wut und Groll geformt sein, nicht aus Neid und Gier, Rache und Hass, die den Untergrund brüchig, dünn und schwach machen.

Sie sollen aus Vergebung und Liebe, aus Selbstannahme und Güte gebaut sein. Auf dass sie mein fester Grundstein sind, auf dem ich sicher gehe, gestärkt mit jeder Stufe und zu meinem inneren Frieden zurückfinde.

Was möchtest du deiner Vergangenheit sagen?

4 Gedanken zu „Brief an die Vergangenheit“

  1. Danke liebe Bettina,

    ganz besonders für die Metapher aus den Steinen, die in der Vergangenheit in unserem Weg lagen eine Treppe zu bauen.

    Ich will heute Abend darüber meditieren.

    Alles Liebe, Martin

    Antworten
    • Danke dir Martin,

      das freut mich, dass ich dich inspiriert habe darüber nachzudenken.

      Alles Liebe
      Bettina

  2. Ich habe frecher weise erstmal Deinen Text zur Vergangenheit als Basis genommen und diesen an der ein oder anderen passenden Stell ergänzt. Als Abschluss habe ich geschrieben,
    Liebe Vergangenheit,
    Danke dass es Dich gibt und Du ein Teil meines Lebens bist. Ich werde Dich immer in mit tragen, auf Dich acht geben, aber dafür Sorgen, dass Du im Heute und Jetzt keinen Einfluss mehr auf mein Denken und Handeln hast. Es ist nur der Verstand, der es toll findet, dass Du die Macht übernimmst, doch jetzt bin ich alt genug um selbst Verantwortung zu übernehmen. Ich brauche Dich nicht mehr als Sündenbock und Ausrede und werde zukünftig achtsam genug für mich sorgen, damit es mir körperlich und seelisch gut geht. Danke, dass Du mir lange Zeit bewusst oder unbewusst dienlich warst. Ich entlasse Dich aus meinen Diensten in die Freiheit und Du darfst jetzt auch einfach mal sein. Ich wünsche Dir Liebe Vergangenheit auf Deinen neuen Abenteuern viel Freude und Danke Dir abschließend ein allerletztes mal für Deine treuen Dienste.
    Du bist aus meinen Diensten entlassen und darfst sein.
    Viel Freude dabei.

    Antworten
    • Liebe Nicole, es freut mich, dass dich mein Brief inspiriert hat. Vielen Dank für den Einblick in deinen Brief und deine schönen und weisen Worte an deine Vergangenheit.
      Liebe Grüße

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